Evangelienbilder gegen das Kriegstrauma

Mit dem Malen von Ikonen versucht ein Kriegsveteran,
dem Himmel näherzukommen


MALEN ALS PASSION: Heinrich Schmitt, 87, einer von nur vier Überlebenden einer MG-Kompanie im Zweiten Weltkrieg.
Seine Andachtsbilder hängen in vielen Kirchen weltweit.

Kurz vor Ostern. Dämmerung legt sich über die kahlen Weinberge bei Bonn. In einem kleinen Atelier hoch über dem
Rhein fällt das letzte Winterlicht auf Pinsel und Farbpigmente.

Kerzenschein taucht die Ikonen-Galerie in einen Goldschimmer. Im Flackern des Ewigen Lichts bereitet sich ein weißhaariger
Mann betend auf seine Arbeit vor. Das Alter hat ihn gebeugt. "Ich muss mich ganz mit dem Himmel einlassen", flüstert er im
Halbdunkel. In den dicken Gläsern seiner Brille spiegeln sich die Flämmchen der Wachslichter.
Während das Abendlob der Ostkirche den Raum durchzieht, hockt der Greis vor einer neuen Oster-Ikone.
Der Pinsel gleitet über das Blattgold, Fingerspitzen betupfen die glatt polierte Fläche. In feinsten Nuancen aus Umbra,
Chromorange, Siena und Nepalgelb entsteht das Antlitz des Auferstandenen.
Heinrich Schmitt (87) erhebt sich von seiner goldenen Arbeitsunterlage, wirft einen Blick auf sein heutiges Werk,
zeigt sich zufrieden. „Malen ist für mich Meditation.“
Abgeschottet von der Unrast im Tal, scheint die Zeit hier über dem Rhein stillzustehen. Erhaben und streng,
merkwürdig starr und erfüllt zugleich, schauen die Figuren von den Lindenholztafeln mit ihren leuchtenden Goldhintergründen.
Große Augen blicken voller Güte, mitunter auch mit etwas Traurigkeit auf unsere Welt.
Ob Christus und Maria, der Täufer Johannes, die Jünger, die Könige David und Salomon – sie alle strahlen Ruhe und
Spiritualität aus. Schmitt glaubt fest an ein religiöses Mysterium: „Ich bekomme beim Malen die Hand geführt.“
In den Ikonen entdeckt er die ganze Liebe Gottes: „Sie sind reine Friedenserklärungen.“

Auch im Krieg. In Hitlers Uniform gepresst, überlebt Schmitt als Melder einer MG-Kompanie in Russland 30 Nahkämpfe,
Beinschuss und Kriegsgefangenschaft. Auf der Flucht durch die russischen Linien deutet der Obergefreite ein „leuchtendes,
lebendiges, helles Licht“ zwischen den Panzern als „Gegenwart Christi“. Kurz darauf spürt er im ukrainischen
Herrgottswinkel bei Charkow das erste Mal die Magie der Ikonen. Eine verängstigte Russin wirft sich mit ausgebreiteten
Armen über ihr Hausheiligtum. Soldaten entreißen der weinenden Alten die Ikone. „Das hat mich angewidert.“
Ikonen bleiben stets anonym, entstehen nach festen Mustern. Es bleiben die Erinnerungen. Wie nah das alles ist, sagt er,
die Bombenalarme, die verzerrten Bilder brennender Dörfer. Mehr Angst als Atem, auch heute noch im Traum: Dass er
im Blut liegt. Dass es um ihn herum scheppert. Dass es ihn jeden Moment erwischen kann. Dass die Fetzen fliegen und er
nur weg will, nur weg und raus! Lange noch konnte Schmitt nicht einschlafen bei geöffnetem Fenster und zugezogenem
Vorhang, wenn der Wind sich darin blähte und immer wieder der Krieg ins Zimmer kam. Von den 220 Männern seiner Einheit
kehrten nur vier zurück.

Damals gelobte der gläubige Christ der Mutter Gottes: „Ich male nur noch für Dich!“ Seitdem ist er sich als Nachfahre
des Maler-Evangelisten Lukas Maria und den anderen Heiligen treu geblieben. Er malt, Trauben von Zuschauern um sich, auf
Plätzen und in Häusernischen, immer in der Hoffnung, den Menschen „den Himmel ein wenig näher zubringen“.

Heute, 4000 Ikonen später und im hohen Alter, zählt Schmitt zu den begehrtesten Ikonenmalern der Zeit – und blieb
dennoch unbekannt: Der Ruhm eines Ikonographen hat nach uraltem Gesetz stets hinter den biblischen Bildern zurückzutreten.„
Ikonen werden nicht signiert.“ So hängen Schmitts Werke weltweit anonym an Kirchen- und Museumswänden, nicht nur in
Petersburg, Wolgograd, Straßburg, Köln, Düsseldorf, Freiburg, München, Trier, Freiburg, Wuppertal, Konstanz und Delhi.
Seine Ikonen sind tausendfach geweiht, auch vom Papst. In Rom schmückt Schmitts Schwarze Madonna von Tschenstochau die
Grabkammer des greisen Kirchenoberhaupts. Ein Geschenk während einer Privataudienz im Vatikan 1982.
Johannes Paul II. soll sichtlich erbaut gewesen sein und sich auf Deutsch bedankt haben: „Das ist die schönste
Mission, die ich mir denken kann.“ Schmitt gelang es, innerhalb von einer Woche zum Heiligen Stuhl vorzudringen:
„Damals war ich ziemlich cool.
“Seine himmlischen Visionen, unberührt von 2000 Jahren Entwicklungsgeschichte, erzählen von einer Frömmigkeit,
wie sie im Abendland die Kunst der Antike und des Mittelalters beseelte. Heinrich Schmitt malt nach strengen Geboten,
die ihm Überlieferung, Tradition, Legende und Lehre vorschreiben – mit den geheimen Rezepturen antiker Mönche, nach starren
Regeln, die Sujet, Komposition, Ausdruck, Material, Technik und Farbe seit Jahrhunderten festlegen.
Als kultische Handlung und Gebet betrachtet Schmitt seine Arbeit. Er malt zur Ehre Gottes, sagt er.
„Beim Malen schöpfe ich neue Kraft.“ Es gehört zur Eigenart dieser Kunst, dass Ikonographen wie Schmitt in ihren
Darstellungen die charakteristischen Züge der Urbilder von vor 2000 Jahren bewahren müssen.
Sie sollen der Legende nach authentische Portraits von Jesus und Maria sein. Dennoch gibt es etwa 400 Varianten des
Marienbildes, aber nur zwölf leicht unterschiedliche Christus- und 20 Engels- und Heiligendarstellungen.
Ikonen sind deshalb stets Kopien. Der künstlerischen Erfindungsgabe sind strenge Grenzen gesetzt.
Heinrich Schmitt malt nach Originalen des 6. bis 17. Jahrhunderts aus Russland, Bulgarien, Serbien und Griechenland.
Sein Talent entfaltet sich früh. Im Elternhaus bemalt der junge Heinrich Mutters Truhen mit Koggen- und Blumenmotiven.
Er schwärmt für Monet und Renoir. Im kleinen Friseursalon des streng katholischen Vaters färbt der Volksschüler die
Haare der Kunden „nach eigener Mischung“. Die Farbenlehre unter dem Föhn kommt ihm später zugute, sagt er.
Als Messdiener studiert er nicht nur kirchliche Kunstbücher, sondern auch die Spendenfreudigkeit des berühmtesten
Bürgers von Rhöndorf am Rhein. „Der Herr Adenauer tat mir zu wenig in den Klingelbeutel.“
Höchstens 50 Pfennige, mehr machte der alte Fuchs nicht locker. Mittlerweile erzielen mittelalterliche Ikonen bis
zu 500 000 Euro und mehr.

Der Markt mit den Bildern der Ostkirche boomt: Ausstellungen in New York, London oder Frankfurt haben in jüngster
Zeit die religiösen Schätze ins Blickfeld gerückt. Mit zwei großen Auktionen jährlich kämpfen Christies’s und Sotheby’s
um den noch jungen Markt.
In Russland sorgen traditionsreiche und neue gegründete Werkstätten für Nachschub; Klöster und Kirchen sind ihre
Auftragsgeber, denn während der Zeit des Atheismus verschwanden aus vielen Gotteshäusern zahllose Ikonen.
Auch am Andreashang, dem Montmartre der ukrainischen Hauptstadt Kiew, haben viele Kunsthandwerker auf Ikonen umgesattelt.

In Wahrung der Tradition zieht Schmitt die spirituelle Botschaft der Stille dem schrillen, kommerz-orientierten Kunstmarkt vor.
Ganz der Jahreszeit angepasst, sind jetzt blau schimmernde Oster-Ikonen sein Thema – die Kreuzigungsszene, die
Auferstehungsgeschichte. Das angejahrte Lindenholz für den Untergrund bezieht er aus Klöstern und Kapellen.
Die Tafeln werden gespachtelt, geschliffen, grundiert und mit „göttlichem Licht“ belegt – mit 24-karätigem Blattgold.
Der alte Mann rückt seine Brille zurecht. Er taucht den Pinsel in ein Gläschen weißer Farbe und greift zur Lupe.
Der weiße Lichtstrahl, in dem Christus als Sieger auftaucht, erscheint ihm zu blass, auch der Faltenwurf
benötigt letzte Striche. „Der Farbkanon ist streng festgelegt“, murmelt er.
Weiß stellt in der byzantinischen Bildsprache das Licht dar. Purpur und Rot gilt als Farbe des Göttlichen,
Blau und Grün als Ausdruck der Schöpfung.

Immer öfter fragt sich Schmitt, wie es im Himmel aussehen mag. „Kein menschliches Auge hat es je gesehen.“
Die Kondition ständig am Kollaps, die Grenzen der Kraft erreicht, wird die Strapaze zur Gewohnheit.
Im Dezember lag der Witwer und Vater dreier Kinder im Krankenhaus - Kreislaufkollaps, Herzschrittmacher.
Der Arzt widersetzte sich seinem Wunsch, ihn bei seinen Ikonen sterben zu lassen:
„Ich soll wohl noch weiter meine Mission erfüllen.“

Thomas Olivier 24.3.2005

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